Voting: Worüber forschen Sie?

Dass die Seminarsitzung am 24.5.2016 für die Studierenden zentral sein würde, habe ich gleich zu Beginn des Semesters erläutert. Nach einer sukzessiven Annäherung an die Kontexte sowie die dazugehörige Aneignung von Theorie-Feldern waren sie nun aufgefordert, sich ihren eigenen (Forschungs-)Fragen mit Bezug zu den Kontexten zu widmen. Herausgekommen sind allerhand (Forschungs-)Fragen, auch einige Feststellungen, die in insgesamt vier Fotoprotokollen für die Studierenden festgehalten wurden (siehe ILIAS). Am Ende des Seminars kam es dann zum Voting: Mithilfe von analogen 😉 Klebezetteln durften die Studierenden darüber abstimmen, an welchen (Forschungs-)Fragen sie weiter arbeiten möchten.

Zugegeben, das Ergebnis hat mich nicht ganz überrascht: Ca. 3/4 der Seminarteilnehmenden möchte sich näher mit dem informellen Kontext rund um My Voice auseinandersetzen; ca. 1/4 der Teilnehmenden widmet sich doing research! und damit dem formalen Bildungskontext Universität/Hochschule – ihrem Kontext.

Das Seminar selbst nimmt jetzt an Fahrt auf: Nach einem nochmaligen Input in der kommenden Woche werden die Studierenden ihren eigenen Fragen nachgehen und konkrete Antworten darauf in den verbleibenden Wochen des Semesters (er-)forschen.

Gallery Walk zwischen Mediennutzung, Medienkompetenz und Medienbildung

Wie gelingt es, die vielen Themen, die mit den beiden Kontexten – doing research! und My Voice – zusammenhängen, theoretisch auf die Schnelle zu erfassen und ansatzweise breit zu diskutieren?

Aus meiner Sicht ist die Antwort einfach: Nicht jede*r Student*in kann alle Themen theoretisch selbst erarbeiten, wenn das Seminar auch einen gestaltenden Anspruch verfolgt. Entsprechend gilt es exemplarisch vorzugehen und ein partizipatives Format zu finden, innerhalb dessen sich die Studierenden wechselseitig über bestimmte Themen und Fragestellungen informieren können. Dieses Format habe ich – wie auf wissenschaftlichen Tagungen auch – als Gallery Walk bezeichnet.

Im Fokus der damit verbundenen ‚Spotlights‘ standen dann insgesamt vier Themenbereiche, 1) Mediennutzungsstudien, 2) Modelle zur Medienkompetenz(-entwicklung), 3) Lernformen und 4) Spezifika der Kontexte (Aktive Medienarbeit, forschendes Lernen). Alle Themen wurden aus zwei Perspektiven beleuchtet – aus der Sicht formaler Bildung/formalen Lernens sowie aus der Sicht informeller Bildung/informellen Lernens.

Der Gallery Walk war daher sehr bereichernd, wenn auch angesichts des schwülen Wetters in einem Seminarraum ohne Fenster recht anstrengend. Trotz allem gehen die Studierenden gut vorbereitet in die nächste Sitzung, in der sie ihre Forschungsfragen definieren und letztlich Gruppen finden.

Kontext 1: My Voice, Hamburg

Auszug aus der Problemskizze für die Studierenden:

„Kern des myvoice-project ist ein Blog, auf dem Menschen mit Fluchthintergrund und Interessierte, die sich mit dem Thema Flucht beschäftigen (wollen), Medienbeiträge veröffentlichen. Das Projekt entstand im Sommer 2015 in Hamburg als Reaktion auf die Medienberichterstattung zu den Themen Asyl, Migration und der sogenannten Flüchtlingswelle. Ziel war es, ein Gegengewicht zu eurozentrisch geprägten und häufig einseitigen Darstellungen der Massenmedien zu schaffen und den geflüchteten Menschen eine Plattform zu bieten, um ihre Perspektive in den Diskurs einzubringen. Im Mittelpunkt stand von Beginn an aber auch das gemeinsame Arbeiten an der Website, um die gedanklichen Kategorien „wir“ und „die anderen“ aufzulösen. Die aktive Medienarbeit soll sowohl bei den deutschen Teilnehmenden und Leser*innen als auch bei den Migrant*innen zur Auseinandersetzung mit der aktuellen Situation, zur Reflektion der eigenen Rolle und letztlich zu einer differenzierten Positionierung zu aktuellen Fragestellungen führen. […]

Trotz großem Engagement aller Beteiligten stehen wir vor einigen Herausforderungen:

  1. Häufig entstehen gute Ideen, doch es fehlt an personellen Ressourcen, um diese umzusetzen. Fast alle Projektteilnehmenden sind berufstätig, so dass die Zeit für das Projekt begrenzt ist.
  2. Das Bedürfnis zur Meinungsäußerung und das Interesse an Medienarbeit sind unter geflüchteten Menschen nicht so groß wie zunächst erwartet. Auch Bildungsbiografien könnten dabei eine Rolle spielen.
  3. Die Medienarbeit mit geflüchteten Menschen erfordert hohe Sensibilität und Vertrauensbildung, da häufig Hemmungen bestehen, sich kritisch zu äußern. Viele Zuwanderer kommen aus repressiven Systemen mit eingeschränkter Pressefreiheit, in denen teilweise noch Familienmitglieder leben.
  4. Barrieren organisatorischer und sprachlicher Art sind zu überwinden (bspw. der Zugang zu Flüchtlingsunterkünften, die Übersetzung von Blog-Beiträgen oder selbst die Erläuterung unserer Projektziele). […]

Offene Fragen sind:

  • Wie ist das Medienverhalten geflüchteter Menschen einzuschätzen? –
  • Können wir eine breite Masse an Teilnehmenden erreichen oder eher eine spitze Zielgruppe, die sich ohnehin für Medienproduktion interessiert und/oder journalistisch tätig ist?
  • Ähnliches gilt für den Leserkreis: Wen können wir mit unseren Beiträgen erreichen und wie können wir in der öffentlichen Debatte Aufmerksamkeit erregen?
  • Besteht die Chance, dass sich der Blog zu einem „Crowd-Projekt“ entwickelt, an dem sich eine große Anzahl an Usern mit Beiträgen beteiligt?
  • Wie kann die Organisation und Koordination eines solchen Freiwilligenprojekts verbessert werden?
  • Müssen wir angesichts der o.g. Herausforderungen unsere Ziele anpassen und den Zweck des Projekts überdenken?“(Die vollständige Problemskizze kann im Bedarfsfall bei der Projektpartnerin oder der Dozentin angefordert werden.)

Kontext 2: doing research!

Auszug aus der Problemskizze für die Studierenden:

„Durch forschendes Lernen haben Studierende die Gelegenheit, so die verbreitete Annahme, das Studium zu ihrem Studium (im ursprünglichen Sinne) zu machen und trotz Bologna und Massenstudium individuelle Anteile im Studium zu suchen/zu finden.

Zwischen Anspruch von Hochschullehrenden und Studierwirklichkeit klafft aber mitunter eine Lücke – aus unterschiedlichen Gründen:

  1. ist die Umsetzung forschenden Lernens Sache der Lehrenden (Freiheit von Forschung und Lehre),
  2. wird forschendes Lernen teils von den Studierenden selbst abgelehnt (individuelle und qualifikatorische Studienziele),
  3. wird forschendes Lernen unmittelbar von begünstigenden oder hemmenden Kontext- und Rahmenbedingungen beeinflusst (z.B. Studienprogramme, co-bzw. extra-curriculare Angebote zur Kompetenzentwicklung, Serviceeinrichtungen für Studierende, digitale Infrastrukturen).Mit dem Projekt „doing research!“ soll die skizzierte Lücke geschlossen werden: So zielt es auf ein Spektrum an Umsetzungsmöglichkeiten für forschendes Lernen an der Universität zu Köln ab. Exemplarisch genannt werden kann die Vorlesung „Einführung in die Mediendidaktik“, die als forschungsorientierte Vorlesung umgesetzt wurde und im Wintersemester 2016/17 als forschungsorientierter „Flipped Classroom“ (spezielles Blended Learning-Format) gestaltet werden soll. […]Das Herzstück bildet die fach-, disziplinen-/hochschulübergreifende Initiative zum studentischen Publizieren: Wie im Augsburger Projekt „w.e.b.Square“ oder bei der Zeitschrift „Der Wilhelm“ erprobt, soll auch in Köln ein „Undergraduate Research Journal“ entstehen. Darunter versteht man Zeitschriften, die Einblick in studentische Forschungsarbeiten geben und studentisches Publizieren früh, d.h. möglichst während des Bachelorstudiums, anregen. Aufgrund der Erfahrungen wird erwartet, dass die Implementierung in Köln möglich ist (durch kooperatives Agieren im Hochschulverbund), aber längere Zeit zur Durchdringung/Diffusion in die Studierwirklichkeit sowie die Praxis der Lehrenden benötigen wird. Entsprechend gilt es kommunikative Formate zu entwickeln, die die Einführung der Zeitschrift begleiten, das Gelingen des Unterfangens verdeutlichen und Handlungsempfehlungen für studentisches Publizieren möglich machen. Dazu könnten auch redaktionelle Erfahrungen aus (eher) wissenschaftsjournalistischen Formaten genutzt werden.

    Alle genannten (Teil-)Projekte aus „doing research!“ verdeutlichen letztlich, dass forschendes Lernen aus Studierendensicht keineswegs den ‚Königsweg’ ihres akademischen Studiums darstellt. Das eigene Studium wird straff organisiert und u.a. davon beeinflusst, welche Veranstaltung bei wem mit wie viel Aufwand besucht werden kann etc. Es steht daher die These im Raum, dass gerade die Freiheitsgrade beim forschenden Lernen Studierende vor Herausforderungen in der Studiengestaltung stellen, der sie sich nicht stellen können oder wollen. Letzteres ist auch (aber nicht ausschließlich) vor dem Hintergrund des Werdegangs und künftiger Berufe zu sehen.“

(Die vollständige Problemskizze kann im Bedarfsfall bei der Dozentin angefordert werden.)